Licht und Schatten
Abendstimmung vor Anker.
Reisen ist, in jedem Augenblick geboren werden und sterben
Victor Hugo
Durch die Events und Parties der ARC+ auf den Kanaren, Kapverden und Grenada trifft man dieselben Menschen immer wieder. Wie eine Schulklasse, wie Kollegen auf Zeit. Manche Segler bleiben im Hintergrund, zu anderen findet man schnell einen Draht.
Zum Beispiel zu Ewan, der als Skipper und Operating Manager großer Yachten schon seit einer Ewigkeit segelt. Mit 46 hat er die Welt schon umrundet, mehr als 36 000 Seemeilen im Logbuch und wird zur Anlaufstelle für viele. Durch seine Größe ist er nicht zu übersehen, noch dazu ein superfreundlicher Typ und immer bereit, seine Erfahrungen zu teilen. Nach der ARC+ will er mit seiner Frau und seinen Söhnen weiter in den Pazifik segeln.
Auf dem Seven Sisters Trail in Grenada.
Kurz vor dem Ende des offiziellen Programms, an einem Donnerstag Mitte Dezember, brechen Daniel und ich zu einer kleinen Wanderung auf. Im Grand Etang Nationalpark führt ein rutschiger Pfad über Brettwurzeln, durch den schlammigen Dschungel zu einem Wasserfall. Der Naturpool darunter ist trübe vom Regen, aber es macht Spaß, im kalten Wasser zu schwimmen: Ein willkommener Szenenwechsel.
Am Ende der kleinen Wanderung wartet ein Wasserfall.
Aber als wir Dreck-verkrustet von unserem Hike zurück kommen, überbringt uns Alex die News: Am Vormittag hatte Ewan auf seinem Schiff einen Herzinfarkt und ist gestorben. Trotz Erster Hilfe der Crews am Steg und dem Equipment der Superyachten in der Marina konnte keiner sein Leben retten.
Wir sitzen an Deck und können es kaum glauben. Kein Teilnehmer der ARC+ hat so viel Energie und Lebensfreude ausgestrahlt. Unvorstellbar, was seine Familie in diesen Momenten durchmacht.
Das Organisationskomittee sagt die Prizegiving Party ab. Bei der Ewans Team als Zweitplatzierte in unserer Kategorie (Cruising B) auf dem Podium gestanden hätte. Mehr als 90 Crews fahren nicht, wie geplant, zu einem nahen Hotel, um zu feiern und zu tanzen. Sondern legen im Marina Village eine Gedenkminute ein. Nach dem Mann über Bord auf der ARC ist es schon der zweite Todesfall innerhalb weniger Wochen, diesmal einer von uns. Alle sind mehr oder weniger geschockt, wissen nicht so recht mit der Situation umzugehen. Tränen laufen über die Gesichter von Leuten, die Ewan nur kurz gekannt haben, was viel über ihn aussagt.
In die Trauer mischt sich auch Dankbarkeit, dass wir die Chance haben, weiter zu segeln. Wir haben noch alle Möglichkeiten, die das Leben so mit sich bringt.
Gedenktafel im Paradise Beach Club, designed von Nina (SY Myrto).
Tage später endet die ARC+. Die Schiffe verteilen sich über die Buchten. Viele Crews lassen die Weiterreise langsam angehen, wir nicht. Durch einen Termin am 20. Dezember in Martinique haben wir Zeitdruck. Wir müssen in einer Woche über Grenada, die Grenadinen, St. Vincent und St. Lucia nach Norden rushen.
Die Spuren des Hurrikans Beryl auf Carriacou, die Ruinen der Segelschiffe ohne Masten in Tyrell Bay, die Relings und Rettungswesten in den Mangroven ziehen an uns vorbei. Die zerstörten Häuser und Camps auf Union Island. Die umgeknickten Palmen im Postkarten-Idyll von Sandy Island. Wir reisen in einem Tempo, in dem wenig Zeit bleibt, um zu reflektieren.
Sandy Island. Ein paar Palmen sind umgeknickt, ansonsten Karibik wie aus dem Bilderbuch.
Tyrell Bay: Viele Segelschiffe liegen nach Beryl ohne Mast in der Bucht.
Vor den Tobago Keys schnorcheln wir kurz mit Rochen und Schildkröten. Auf Bequia rutscht uns der Anker weg, mitten in der Nacht, bei strömenden Regen legen wir Kette nach. Wir haken Stationen ab, die mehr Zeit verdient hätten. Immerhin schafft Daniel einen Paramotor-Flug auf St. Vincent. Alex chattet mit dem Fußball-Team von Chateaubelair. Louisa und ich schwimmen unsere Runden ums Schiff, während über uns die Fregattvögel kreisen… bis wir in einem Gewaltmarsch St. Lucia überspringen. Am Abend des 20. kommen wir wie geplant in Fort de France an.
Ankerplatz Fort St. Louis: so urban hatten wir es lange nicht mehr.
Vor dem Fort Saint Louis werfen wir den Anker. Mitten in der Hauptstadt, von zwei Dutzend Schiffen umgeben, ist es erstaunlich ruhig. Nur eine kleine Fähre passiert das Feld und sorgt für etwas Swell. Am Ufer blinkt ein Weihnachtsbaum. Von Zeit zu Zeit dröhnt fröhliche, karibische Musik zu uns rüber oder die Motoren schwerer Bikes heulen auf.
Wir kaufen für die Feiertage ein, das geht wunderbar im französischen Übersee-Departement. Stella und Louisa backen Weihnachtsplätzchen. Wir hängen Lichterketten an Bord auf, trinken in Jaden’s Café, das so auch im 7. Arrondissement von Paris stehen könnte, klatschblauen Spirulina Latte. Zu Preisen wie in Paris.
Uferpromenade von Fort de France.
In Fort de France finden wir endlich wieder Zeit zum Nachdenken, über die zurückliegenden Wochen, Licht und Schatten, was für uns funktioniert hat und was nicht. Wir fragen uns, wo unser weiterer Weg uns hinführt und wir treffen eine Entscheidung: in den nächsten Wochen wollen wir uns gemächlich nach Norden bewegen, bis uns die anderen Crews wieder einholen. Danach fahren wir nicht über die Bermudas und Azoren nach Europa zurück, sondern weiter in Richtung Pazifik.
Es war nicht initial geplant, aber: Wir sind so nah dran an Fiji, Tonga, an Vanuatu und dem Great Barrier Reef. Und wir wollen diesen Teil der Welt jetzt sehen, solange sich die Chance vor uns auftut.
Schöner, urbaner Ankerplatz im Schatten des Forts
Wir lagen hier mit 20-25 anderen Schiffen vor Weihnachten
geschützt, kaum Swell bis auf gelegentliche Wellen durch die kleine Fähre, die am Ankerfeld vorbei fährt
An einem Abend bis ein Uhr nachts laute Musik, die vom Ufer zum Ankerfeld rüberschallt
Kurze Wege in die Stadt mit Restaurants, Cafés, Supermärkten, Shops in der Rue Victor Hugo
Müllentsorgung ist nicht leicht, da die Mülleimer entlang der Promenade recht klein sind