Dominica von oben und unten

Mitten in den Middleham Falls.

Nach einer Nacht Dauerregen hat der Indian River eine milchig-türkise Farbe. Elvis, unser Guide, rudert sein kleines Boot durch das Flussdelta zu Tia Dalmas Hütte, bekannt aus Pirates of the Caribbean. Genau genommen ist es ein Nachbau der Film-Locaton. Die Original-Hütte, in der die Voodoo-Priesterin Jack Sparrow ein Glas Dreck schenkt, hat ein Hurrikan weggefegt.

Tia Dalmas Hütte, ein Drehort von Pirates of the Caribbean.

Nächster Stop: die Bar, in der Johnny und Naomie, Keira und Orlando ihre Drehpausen verbrachten. Drei Gläser Grapefruitsaft für uns, ein Rum Punch für unseren Guide, dann geht es weiter. So früh am Morgen haben wir die Flusslandschaft fast für uns. Satt-grüne Palmwedel biegen sich über unseren Köpfen. Es raschelt. Ein Reiher fliegt auf und verschwindet als weißer Klecks in den Wipfeln. Aus einer Mangroven-Wurzel hebt eine Krabbe ihre Scheren.

“Hütet euch vor den Alligatoren”, sagt Elvis und bricht eine Sekunde später in Gelächter aus. “Nur Spaß. Bei uns gibt es keine gefährlichen Tiere. Weder im Wasser, noch an Land.”

Der Indian River hat seinen Namen von den karibischen Ureinwohnern, den Kalinagos.

“I’ll keep you safe”

Zu jeder Gelegenheit betonen die Dominicaner, wie sicher ihr Land ist. Auf halber Strecke zwischen Martinique und Guadeloupe verströmt die Bohnen-förmige Insel andere Vibes als die französischen Außen-Departements.

Schon bei der Ankunft in Roseau stehen halb abgedeckte Hütten im Kontrast zu dem Kreuzfahrtschiff, das ganz in der Nähe festgemacht hat. Reggae-Musik schlägt uns beim Einchecken im Fischereihafen entgegen. Ein paar Männer rauchen ihre Joints und schieben schnell ein Boot beiseite, um Platz für unser Dinghi zu schaffen. Die Leute sind hilfsbereit, das Wasser bewegt, die Umgebung chaotisch und bunt.

2023 lag das BIP pro Kopf in Dominica bei knapp 8100 Euro - in Martinique hatten sie mit bei gut 27 000 Euro mehr als das dreifache zur Verfügung. Auch der Tourismus hat Luft nach oben. Ausländische Gäste kommen überwiegend aus den USA und anderen karibischen Staaten. Plus ein paar Individualtouristen, die gerne wandern und Pirates of the Caribbean Fans.

Zwar machen Ozeanriesen in Roseau fest, aber diese Touristen bleiben nicht lange und sind spätestens zum Abendessen an Bord. Viele Segler skippen Dominica ganz. Wir bleiben für fünf Tage.

Geschäftstüchtig:

Marcus vermietet Moorings in Roseau.

Auf der Suche nach einem Ankerplatz in Roseau rauscht uns Marcus auf seinem Boot entgegen. “I keep you safe”, verspricht er.

Interessant, welches Kopfkino seine Wortwahl bewirkt. Ich frage mich, ob er auf Befürchtungen anspricht, die einen Teil seiner Kundschaft nachts wachhalten. Schürt er unbewusst Ängste oder kalkuliert er sie ein? Bei einem Bier erzählt Marcus, dass es in seiner Stadt früher Überfälle auf Yachten gegeben hat, aber nicht mehr, seitdem er für Sicherheit sorgt.

Marcus Bojen kosten umgerechnet 20 Euro pro Nacht, dafür kann man seinen Müll bei ihm entsorgen und seinen privaten Dinghi Steg nutzen: ein gutes Gesamtpaket. Im Norden der Insel, beim großen Ankerfeld St. Rupert’s Bay, bietet die PAYS Gesellschaft einen ähnlichen Service, ob er jetzt Sinn macht oder nicht.

Das Caribbean Safety & Security Net verzeichnet derzeit kaum Kriminalität gegen Segler in Dominica. Ganz anders als in Martinique, wo regelmäßig Dinghis gestohlen werden. Vor den trubeligen Spots in Sainte Anne und Le Marin ankern aber auch bedeutend mehr Schiffe als in ganz Dominica.

Heißes Schwefelwasser in Tia’s Hot Spa in Wotten Waven.

Auf der Insel gibt es: ein Wappen mit einer Kaiseramazone in der Mitte. Passionsfrüchte, so groß wie Orangen. (Für deutsche Verhältnisse) extrem teure Supermärkte, die sich “Best Price” nennen. Chaotische Mietwagenfirmen, die nur über WhatsApp kommunizieren. Einen Ort voller Schwefelquellen-Spas (Wotten Wasen) und überall fantastische Natur.

Im Soufliere Scotts Head Marine Reserve vertauen wir die Asja an einer Mooringboje. Wir rechnen damit, dass uns jederzeit ein Tauchboot vertreibt, aber keiner kommt. Hier, in der Nachbarschaft eines abgesunkenen Vulkankraters, sprudeln heiße Quellen aus dem Meeresgrund. Die Bläschen, die dabei entstehen, haben dem Riff seinen Namen verpasst: Champagne Reef.

Stella paddelt am Champagne Reef.

In unseren Tauchsachen sinken Daniel und ich in ein Wunderland aus Schwämmen und Korallen. Gelbe Röhren strecken sich uns wie Finger entgegen. Fischbabys steigen aus gewaltigen lila Vasen. Stachlige Igelfische und Muränen tragen ihre Tarnfarben. Bezaubernd, welche Welten sich 10, 20 Meter unter dem Meeresspiegel auftun - ohne dass man nennenswert etwas dafür tun müsste. Tauchen ist eine Materialschlacht - aber es lohnt sich. Am Champagne Reef auch für Anfänger und Leute, die nicht besonders tief gehen wollen.

Zwei Tage später fahren wir in den Morne Trois Pitons Nationalpark, Dominicas Weltkulturerbe. Der Linksverkehr und die Schlaglöcher machen schon die Fahrt zu den Middleham Falls zu einem Abenteuer. Hinter einem Neubauprojekt voller Hobbit-Häuser wartet der Wander-Parkplatz. Auf dem am frühen Vormittag nur ein weiteres Auto steht. Am Einstieg des Trails müssen wir einen kleinen Bach queren. Nicht tief, voller wackliger Steine. Von sauberen - oder trockenen - Füßen können wir gleich verabschieden. Nach ein paar Minuten vergleichen wir schon, wer die Schlamm-verkrustetsten Schuhe hat.

Über Brettwurzeln, Geröll und Pfützen führt unser Weg in das grüne Dickicht. Wir tauchen regelrecht in den Regenwald ein. Es schmatzt und knirscht unter unseren Schritten. Ein Rauschen kündigt den Fall an, lange bevor man ihn sieht. Unser Wanderweg führt uns treppab zu einer Aussichtsplattform, in der uns die Gischt ins Gesicht sprüht. Aus dem Kronendach stürzen die Middleham Falls rund 80 Meter in die Tiefe.

Ein Bach sorgt am Einstieg des Trails für nasse, schlammige Füße.

Unter all den Wanderungen, die Domica bietet, ist dieser Wasserfall ein toller Kompromiss für Familien: Keine langweilige, überlaufene Wander-Autobahn. Nicht zu kurz, mit insgesamt zweieinhalb Stunden (inklusive Bade-Stopp) aber auch nicht so lang und anstrengend wie die Boiling Lake Tour. Und man braucht keinen Guide, kann aber einen mieten, etwa um mehr über die Pflanzen des Dschungels zu erfahren.

Wurzeln und umgekippte Bäume verstellen uns den Weg.

Unsicher haben wir uns in fünf Tagen Dominica nie gefühlt. Der krasseste Moment war nach unserer Ankunft in der Prince Rupert Bay, als ein Vertreter von PAYS uns begrüßt. Providence bietet uns gleich eine Boje und verschiedene Ausflüge an. Ganz typisch in Dominica und vielen anderen Karibik-Staaten. Aber dieses Mal passen wir.

“Danke. Wir ankern heute. Die Indian River Tour haben wir schon gebucht”, sagte ich, wahrheitsgemäß. Andere Segler hatten Elvis empfohlen und ich wollte den Ausflug an Stellas Geburtstag schon ein paar Tage im Voraus fixieren. Ich erwarte, dass Providence abdreht.

Stattdessen protestiert er: “Ich war zuerst da. Ihr müsst mich engagieren.”

“Wir müssen gar nichts”, sagt Daniel.

Im selben Moment erscheint Elvis mit seinem Boot. Der PAYS-Mann geht ihn an. Schimpft und gestikuliert. Die Lautstärke steigt, es klingt inzwischen wie ein Streit. Keine Höflichkeit ist übrig, nur aggressiv ausgefochtene Konkurrenz. Es dauert gefühlt ewig, bis Providence endlich davon fährt.

So nervig es war, solche Zwischenfälle machen das Reisen erst interessant, finde ich, weil sie uns andere Kulturen näher bringen. Wie winzige Störfeuer die uns dazu bewegen, unsere west-europäischen Brillen abzunehmen.

The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes, but in having new eyes.

Marcel Proust












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