Im virtuellen Klassenzimmer

Normalerweise wählen sich unsere Kinder von Bord aus in den Unterricht ein. Hier auf den British Virgin Islands.

Vor Sint Eustatius erleben wir, was wir vor unserer Tour befürchtet und fast schon vergessen haben. In der Oranjestad Bay schaukelt die Asja vor einer idyllischen Kulisse mit Festung und Vulkan - aber wir haben kein Netz. Die Kinder können sich nicht in den Online-Unterricht einwählen. Was sogar mitten auf dem Atlantik dank Starlink eigentlich immer funktioniert hat. Aber in Statia, so nennen alle die “besondere Gemeinde der Niederlande”, hat der Satellitendienst keine Konzession.

“Ich habe gleich Physik… das will ich auf keinen Fall verpassen”, sagt Stella. Aber weder unsere mobilen Daten, noch die SIM-Karte, die Daniel kauft, können die Datenmengen covern, die der Unterricht verschlingt.

Wir verkürzen unsere Zeit auf der Insel, machen digital detox. Und auf unserer nächsten Station in Gustavia, St. Barth, schreibe ich den Klassenlehrer*innen eine Entschuldigung.

In Statia am Dinghi-Dock.

Deutsche und die Schulpflicht

Die Frage: “Wie macht ihr das mit der Schule?”, stellen uns ausnahmslos alle Deutschen, die wir in der Karibik treffen. Wegen der strengen gesetzlichen Schulpflicht finden es die meisten unserer Landsleute ganz erstaunlich, dass Teenager irgendwo anders als in einem Schulgebäude Unterricht haben.

Nach ihrer Einführung im Jahr 1717 durch König Friedrich Wilhelm I., der “geschickte und bessere Untertanen” wollte, ist die Schulpflicht seit 1919 in der Verfassung verankert. Und natürlich hat der Anstieg an Bildung die Gesellschaft weitergebracht. Aber wie zeitgemäß ist diese strikte Schulpflicht im 21. Jahrhundert noch?

Diese Frage können Eltern in anderen Ländern für sich selbst beantworten. Etwa in Österreich, Kanada, den USA und Australien können sie ihre Kinder zu Hause unterrichten oder in Online Schulen anmelden. Nicht in Deutschland. 

Zwar habe ich - über ein paar Ecken - von deutschen Seglerkids gehört, die eine Beurlaubung für die Tour bekommen haben. Aber es handelt sich eher um Grundschüler, kürzere Reisen, oder die Zusagen werden später seitens der Schule wieder zurückgezogen. Der Rektor unseres Gymnasiums in Frankfurt, das sich Europaschule nennt, zeigte überhaupt kein Verständnis. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns aus Deutschland abzumelden.

Selbst unterrichten oder Online Schule?

Wir haben lange überlegt, ob wir unsere Kids selbst unterrichten. Es hätte uns bei zwei Kindern über 1.000 Euro im Monat gespart und geht mit mehr Flexibilität einher, zum Beispiel, was Ausflüge angeht.

Einige Eltern haben während der ARC+ ihre Schiffe in schwimmende Schulen verwandelt. Großartig. Wer sich nicht streng an Lehrplänen, sondern am Leben an Bord und unterwegs orientiert, findet immer Unterrichtsstoff: Wasserproben nehmen und untersuchen, die Geologie der Inseln, die schwierige Geschichte der Kolonialisierung. Was bei älteren Kids sicher den Blick auf eine Reise schärft.

Daniel und ich hätten uns die Fächer gut aufteilen können. Aber das Zeit-Investment für Unterricht in den Klassen 8 und 9 wäre hoch gewesen. Hinzu kam der Wunsch unserer Kinder, dass sie kein Schuljahr wiederholen, ergo viel Zeit in den Unterricht stecken wollten.

In der 1000-Einwohner-Hauptstadt Oranjestad ist die Zeit stehengeblieben.

Wir haben uns für eine deutschsprachige Onlineschule entschieden. Wie erwartet, ist das Angebot extrem klein, aber es gibt ein paar Optionen. Diese Schulen richten sich vor allem an die Kids deutscher Expats und digitaler Nomaden im Ausland. Aber auch an neurodiverse Jugendliche, die sich nicht in ein One-size-fits-all Präsenzschema pressen lassen. An junge Sportler, die viel Zeit auf Wettkämpfen verbringen und Kinder aus Familien, für die der Besuch einer “Mauerschule” nicht in Frage kommt.

Seit September 2024 gehen Stella und Louisa in die Wilhelm-von Humboldt Online Privatschule, die sich am Lehrplan von Baden-Württemberg orientiert. 2019 von Sascha und Lars Berner gegründet, lernen an der Schule aktuell 324 Schüler*innen in 45 Ländern, angeleitet von 60 Lehrer*innen.

Zum Start unserer Tour, in Europa, hatten Stella und Louisa nachmittags Schule. Jetzt in der Karibik wählen sie sich um 9 Uhr morgens in den virtuellen Klassenraum ein. Der Unterricht  - und die Kommunikation mit den Lehrern - laufen über die Plattform von Microsoft Teams. Woran wir uns als Apple User erst gewöhnen mussten.

Inhaltlich erinnert mich der Unterricht an einen produktiven Zoom-Call. Oder an die Schule, wie sie zu Covid-Zeiten hätte laufen können, wenn wir in Deutschland darauf vorbereitet gewesen wären. Die Klassen sind kleiner. Es besteht kein Zwang, die Kamera anzuschalten. Unsere Kinder nehmen an AGs teil, etwa der Schülerzeitung oder dem Chor, es gibt Feste und Vorträge, nur eben alles virtuell.

Wir nutzen die Offline-Zeit und wandern auf dem Quill.

Das Unterrichts-Büffet

“Seid mal still, ich schreib’ Englisch!”, ruft Louisa auf der Fahrt von Guadeloupe nach Antigua. Unser Windmesser ist ausgefallen, laut Windy haben wir zwischen 20 und 25 Knoten. Es fühlt sich nach mehr an. Wir steuern durch 2 Meter hohe Wellen. Salzwasser schwappt über den Bug und den Steuerstand der Asja und natürlich haben wir Lage. Es ist nicht leicht, jetzt im Salon am Rechner zu sitzen. Geschweige denn eine Klassenarbeit zu schreiben.

Tests sind eine Herausforderung an einer Onlineschule: Die Leherer können nicht überprüfen, ob die Kinder in ihre Aufzeichnungen schauen oder ChatGPT fragen. Die Ergebnisse basieren auf Vertrauen, wie auch die Teilnahme am Unterricht. Stellas Klassenlehrer Herbert Utz beschreibt es so:

“Die Schule ist wie ein Büffet, für das die Eltern bezahlen. Man kann sich bedienen oder nicht. Schülerinnen und Schüler, die sich nicht bedienen, sollten mit ihren Eltern absprechen, ob es für sie in Ordnung ist. Wenn sie den Unterricht ein paarmal nicht wahrnehmen, sprechen wir mit den Eltern.”

So viel Eigenverantwortung ist sicher nicht für jedes Kind die richtige Wahl, aber für unsere beiden passt’s. Sie nehmen den Unterricht ernst und erledigen ihre Hausaufgaben mit mehr Disziplin als in Frankfurt.

Auch auf der Online Schule gibt es Noten und Zeugnisse. Inwieweit Stellas und Louisas nächste Schule sie anerkennt, ist noch nicht klar. Aber das bereitet uns keine schlaflosen Nächte.

Der lila Trail führt auf den Quill hinauf.

Wandern statt Physik

Züruck nach Statia. Die auch als “the golden Rock” bekannte Insel war im 18. Jahrhundert ein Handels-Hotspot in der Karibik. Hunderte Schiffe lagen vor Oranjestad vor Anker. Heute unvorstellbar. Es zieht gerade mal eine Handvoll Segler und Taucher hierhin.

Bequem liegt es sich hier nicht. Gerade für einen Monohull, denn in der Ankerbucht vor Oranjestad herrscht ein heftiger Swell. Unser Schiff rollt nonstop, mal ist es erträglich, im nächsten Moment fühlt man sich wie in einer Achterbahn.

Wir verbringen viel Zeit an Land, wo es so beschaulich zugeht, dass man sich ins 20. Jahrhundert zurück versetzt fühlt. Die Leute sind freundlich und hilfsbereit. Bei Sebastiaan von Statia Car Rental mieten wir einen Wagen, gehen einkaufen, laden die Bilgen voll. Für eine kleine Vulkan-Wanderung fahren wir zur Mountain Crab Road.

Achtung, die Soldatenkrabben zwicken.

Hier erhebt sich der Quill, ein schlafender Vulkan. Mit 600 Metern der zweithöchste Berg der Niederlande. Der mit einer lila Natur-Matroschka ausgeschilderte Pfad startet im sonnenverbrannten Buschland. Es geht zügig bergan. Je höher wir steigen, umso größer werden die Bäume und geben uns etwas Schatten. Eidechsen flitzen über die Wege. Große Einsiedlerkrebse, die Soldatenkrabben, wandern ins Unterholz: Kuriose Tiere, die Luft atmen, aber zur Eiablage ins Meer müssen. Sie leben auf dem Vulkan, ernähren sich von Tier- und Pflanzenresten und zwicken mit ihren Scheren, wenn man sie hochnimmt und nicht aufpasst. So wie Louisa, die eine kleine Wunde davon trägt.

Gummibaum auf dem Quill.

Auf dem Gipfel angekommen, nehmen wir den hellblauen Mazinga Trail, der über die Höhen führt. Auch der ist super gewartet. An steilen Stellen sorgen Seile für mehr Stabilität. Auf ein paar Felsen mit Aussicht teilen wir uns eine Packung Kekse und schauen in den üppig von Regenwald zugewucherten Vulkankrater.

Ein perfekter offline-Tag, zumindest für mich. Mit 15 ist es vielleicht eher ein ohne Snapchat und Schule überstandener Tag. Manchmal erleben wir auf dieser Reise so viel Neues, Unerwartetes, das man erst mal in Kontext setzen muss. Was ist mir - und uns - wirklich wichtig und worauf kann ich - können wir - verzichten? Solchen Fragen nachzugehen, ist keine Schule im klassischen Sinn, aber wir lernen nebenbei viel über uns selbst.

⚓️ Oranjestad Bay

  • Idyllischer Ankerplatz im Schatten des Forts und des Vulkans

  • Statia ist eine charmante Insel, auf der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint

  • Eine Wanderung auf den Quill-Vulkan ist wegen der verschiedenen Vegetationszonen interessant und eignet sich für alle Fitnesslevels. Die Trails werden etwas anspruchsvoller, wenn man oben ist

  • Das Dingy kann man am Steg in der Nähe des Zolls lassen

  • Starker Swell. Als wir in Statia waren, war es so rolly, dass wir kaum schlafen konnten.

Großartige Aussichten vom Mazinga-Trail.

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Dominica von oben und unten